Schachblog Dr. Pfleger

Schach hinter Gittern

von Dr. Helmut Pfleger

10.05.2020

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Ich war insgesamt drei Mal zu Simultanveranstaltungen in der JVA Straubing und spielte unterer anderem gegen den „Mittagsmörder“ und den „Begonienmörder“, zwei Mordfälle, die damals große Schlagzeilen machten. Als Erinnerung daran steht in meinem Schachzimmer ein großer, von Gefangenen handgeschnitzter Schachturm, der an den Wachturm eines Gefängnisses erinnert.Seit Jahrzehnten gibt es in der JVA Straubing ein reges Schachleben, wovon auch eine eigene Zeitung, die „Kleine Schachpost“ kündet. Und eine Mannschaft der JVA nimmt an den Bezirksligakämpfen teil, wobei sie immer „Heimrecht“ hat. Ein zweifelhaftes Privileg, sicher würden die Insassen liebend gern Auswärtskämpfe bestreiten. Unwillkürlich erinnert dies an unser aller Schicksal in dieser Corona X-Zeit, in der auch wir dem „Heimzwang“ entfliehen möchten.An all das musste ich denken, als mir der Kollege Dr. Franz Jürgen Schell  bei der letzten Deutschen Ärzteschachmeisterschaft vom 13.-15. März in Bad Homburg – in der wir ein letztes Mal „frei“ und nicht nur im Internet aufspielen durften – von seinen Betriebsschachkämpfen im „Maßregelvollzug“ in Hamburg erzählte.Die dortige Asklepios Klinik Nord-Ochsenzoll ist die größte Psychiatrie Hamburgs; der Maßregelvollzug mit knapp 300 Betten ist aber oft mit mehr Patienten belegt, weil neben den Schwerverbrechern nun auch Abhängigkeitskranke dort behandelt werden.     Als vor ein paar Jahren eine linke Tageszeitung sich den Protest von solchen Patienten zu eigen machte, als diese keinen Ausgang erhielten, nachdem sie sich geweigert hatten, ihre Medikamente zu nehmen und an Therapien teilzunehmen, erklärte Kollege Schell als Pressesprecher von Asklepios dem Redakteur, dass der Freiheitswunsch der Patienten in der Tat ein hohes juristisches Gut darstelle, dem jedoch ein anderes, mindestens ebenso sehr zu beachtendes gegenüberstehe, nämlich das Sicherheitsbedürfnis der Hamburger Bevölkerung.Erinnert Sie das nicht an augenblickliche Diskussionen um das Primat der Gesundheit und Grundrechte?!Auch in Hamburg nimmt der Maßregelvollzug der Asklepios Klinik Nord an den Betriebssportwettkämpfen mit einer bunt gemischten Schachmannschaft teil, wobei Chefarzt Dr. Guntram Knecht (vor ein paar Jahren nahm er mit 6,5 Punkten erfolgreich am Ärzteschachturnier teil) an Brett 1 spielt, an Brett 3 Kollege Schell und danach u.a. ehemalige und aktuelle Patienten. Wobei Dr. Knecht das Schachspiel neben anderen Therapien auch als kleinen Baustein zur sozialen Reintegration ansieht.Um die Vorbereitung auch theoretisch zu unterfüttern, hat übrigens Kollege Schell kürzlich den Großteil einer geerbten Schachbibliothek den Stationen des Maßregelvollzugs vermacht – künftig müssen sich andere Betriebsschachgruppen beim Kampf dort wohl noch mehr vorsehen!Natürlich hat auch die Mannschaft des Maßregelvollzugs immer nur Heimspiele, wobei die „auswärtigen“ Mannschaften einige Sicherheitsschleusen, ähnlich wie an Flughäfen, passieren müssen. Nun aber Schach pur.                                                            Dr(wKg1, Dc2, Ta1, Te1, Lc1, Lg2, Sf3, Sf4, Ba2, b2, c3, d3, e4, f2, g3, h2;sKg8, Dc7, Ta8, Td8, Lc8, Le7, Se5, Sf6, Ba7, b6, c5, d5, e6, f7, g7, h7) Mit welcher hübschen Kombination konnte Dr. Schell für den Maßregelvollzug als Schwarzer am Zug gegen den ehemaligen Polizeikommissar Werner Stubbe von BWVL, einer Hamburger Behördenschachgruppe, gewinnbringend einen Bauern erobern?    Lösung:Mit dem Opfereinschlag 1…Sxd3! Nach 2.Sxd3 (2.Dxd3 dxe4 ist nicht besser) dxe4 3.Sde5 (auch hier macht 3.Sfe5 exd3 keinen grundlegenden Unterschied) exf3 4.Sxf3 gewann Schwarz einen wichtigen Bauern und später die Partie.      

Gelungenes Ärzteturnier in schwerer Zeit

von Dr. Helmut Pfleger

29.3.2020

Vom 13. bis 15. März fand in Bad Homburg die immerhin schon 28. Deutsche Ärztemeisterschaft trotz der anlaufenden Corona-Krise statt. Gründliche tägliche Prüfungen der Verlautbarungen und Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes und der Situation in Bad Homburg im Vorfeld hatten zu der Einschätzung geführt, dass das Turnier bei den großzügigen räumlichen Gegebenheiten bei Beachtung der hygienischen Vorgaben durchgeführt werden kann, zumal es sich um eine verantwortungsvolle und hygienebewusste Klientel handelt.

Nichtsdestoweniger ließen sich vorsichtigere Kollegen von den am letzten Tag vor Turnierbeginn zunehmenden Ausbreitungsmeldungen noch beeindrucken, so dass von den zuletzt angemeldeten 126 nur noch 79 Teilnehmer das Turnier aufnahmen.

Nachdem der Deutsche Schachbund dieses – auch von all seinen Präsidenten besuchte und hochgelobte – Turnier aus welchen Gründen auch immer nicht mehr mitträgt, hat sich der gemeinnützige Verein Medchess e.V. um den Bamberger Neurologieprofessor Dr. Peter Krauseneck und den Bad Kissinger Augenarzt Dr. Hans-Joachim Hofstetter als 1. und 2. Vorsitzendender, unterstützt von dem langjährigen Turnierleiter und Schiedsrichter Jürgen Dammann vom Badischen Schachverband als Schatzmeister, sowie Monika Mädler vom gleichnamigen Schachversand  als Schriftführerin und Dr. Jan Wähner, Berlin, als Pressewart und Webmaster als Trägerverein für dieses und die kommenden Turniere gegründet.

Freilich war es für die Durchführung des Turniers ausgesprochen hilfreich, dass man sich der ungebrochenen Unterstützung durch OB Alexander Hetjes, des ausrichtenden Hotels Maritim und der schachbegeisterten Hoteliers Joachim und Frank  Petry vom Parkhotel, denen schon viele hervorragende Turniere in dieser Bäderstadt zu verdanken waren, sicher sein konnte. Darüber hinaus haben zahlreiche Kollegen, die dieses traditionsreiche und einzigartige Turnier nicht missen wollten, dies durch ihre oft großzügigen Spenden ermöglicht.

 Besonders erwähnt sei hierbei Dr. Richard Berthold, neben seinem Beruf als Diabetologe ein unermüdlicher Marathonläufer überall auf der Welt, dank dem die Prowin-Akademie das Turnier nicht nur mit Fußbalsam und Zahnpasta – quasi ein Service von Kopf bis Fuß –  für jedermann, sondern auch mit einer hübschen Summe unterstützte.

Ein besonderer Dank gebührt auch Dr. Jan-Erik Wähner aus Berlin, der neben einem treffenden Logo mit einer sich um den König windenden Äskulapschlange auch das Plakat für diese Meisterschaft entwarf, bei dem die Dame den König mit einem Stethoskop auskultiert – schließlich dreht sich ja im „Königlichen Spiel“ letztendlich alles um dessen Wohlbefinden.

Lustigerweise fehlt auf dem Plakat auch nicht der Zusatz „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie bitte die Schachgöttin Caissa oder ……..“

Tja, diese Leerstelle konnte/musste man diesmal durch „Corona X-Virus“ ausfüllen, woran der „Künstlerarzt“ beim Entwerfen kaum gedacht haben dürfte.

Selbst zwei derer, die von Anfang an bei allen Ärztemeisterschaften dabei waren, blieben diesmal fern, sodass die Zahl der mittlerweile „28-Ender“ auf vier schrumpfte. Man wird unwillkürlich an die „Zehn kleinen Negerlein“ erinnert.

Unweigerlich beeinflusste dies, gerade anfangs, natürlich die Stimmung. Dennoch hellte sich diese – angesichts des familiären Charakters des Turniers möchte ich fast sagen „unvermeidlich“ – wieder auf.  Und einen geeigneteren Ausspruch als den von Prof. Dr. Eberhard Schwinger aus Lübeck zitierten: „Es gibt keinen besseren Ausweg von den Übeln des Lebens als eine gute Partie Schach“ (Francis Bacon) konnte man sich in dieser Lage nicht vorstellen. Ähnlich sagten es im Mittelalter schon der arabische Gelehrte Ibn ul Mutâzz: „Droht uns Gefahr, bedrückt uns die Angst, so ist das Schachspiel ein Freund in unserer Einsamkeit“ und der große spanische König Alfons X. der Weise: „Schach bietet dem Menschen Zerstreuung, wenn Kummer und Schmerz ihn zu übermannen drohen.“

Wie immer wurde das Turnier am Freitagabend mit einem Blitzturnier, welches Dr. Dirk Wildenrath und Prof. Krauseneck gemeinsam gewannen, sowie alternativ einer „normalen“ Simultanvorstellung durch die mit Abstand beste deutsche Schachspielerin Elisabeth Pähtz und einem Uhren-Handicap durch mich selbst eingeleitet.

Deutscher Ärztemeister wurde diesmal Dr. Rutz vor Dr. Bucur, Dr. Paust, Dr. Wildenrath, Dr. Csillag, Dr. Birke und Dr. Schaefer (die beiden letzten „Männer der ersten Stunde“! – übrigens ebenso wie Dr. Spasojevic und Prof. Krauseneck).Endtabelle_2020-1Herunterladen

Bei der Preisverteilung war der Gabentisch diesmal besonders üppig gedeckt, darunter acht prächtige Emanuel Lasker-Biographien, ein Geschenk von Thomas Weischede, dem Präsidenten der Emanuel-Lasker-Gesellschaft und etliche wertvolle DVDs der Firma Chessbase wie beispielsweise das neue Fritz 17.

Auch der Bücherstand des Ehepaars Manfred und Monika Mädler war wieder „üppig bestückt“, ich vermisste lediglich den ewigen Ladenhüter Der Arzt im Schachspiel des Dominikanermönchs Jakobus de Cessolis aus dem Mittelalter. Ein schönes Buch, das die Ärzte allerdings aus irgendwelchen Gründen wie der Teufel das Weihwasser meiden.

Ein besonders berührender Augenblick war die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft für den ehemaligen stellvertretenden Chefredakteur des Deutschen Ärzteblatts, Josef Maus.

Er hat das Ärzteschachturnier begründet und mit großem Einsatz, viel „Herzblut“, absoluter Verlässlichkeit und einem stets offenen Ohr für jedermann auch durch gelegentlich schwierige Zeiten „getragen“ und so zu dessen einzigartiger Atmosphäre wesentlich beigetragen. Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass sich neben dem 1. FC Köln auch diese außereheliche Liebe in seinem Herzen einnisten würde! Natürlich war dies nur möglich durch die Unterstützung seiner ganzen Familie, die mit ihrer freundlichen Präsenz eine „conditio sine qua non“ all dieser Jahre war.

Bevor ein paar Kombinationen des Turniers den Bericht abrunden sollen, sei noch vermerkt, dass schon das Datum der nächsten Ärztemeisterschaft feststeht: 19. bis 21. Februar 2021 wieder in Bad Homburg v.d.H.– bitte vormerken!

Diagramm 1

(wKf2, Dh8, Tc2, Tg1, Lc3, Lf1, Ba2, d5, e4, f3, h2;

sKe7, Df4, Tb1, La6, Sf6, Ba5, d7, f7, h7)

In hoher beiderseitiger Zeitnot spielte Dr. Jan-Erik Wähner als Schwarzer 1…Dxh2+ und gewann nach 2.Tg2 Txf1+ 3.Ke3 Dh6+ 4.Kd4 Txf3 schließlich.

Mit welcher herrlichen Opferkombination hätte er jedoch in drei Zügen mattsetzen können?

Lösung:

Mit dem Springeropfer 1…Sg4+!

Die Ablehnung des Opfers mit 2.Kg2 führt nach 2…Dxh2 gleich zum Matt, während die Annahme mit 2.Txg4 Txf1+ 3.Kg2 Dxf3 einen Zug länger dauert.

Diagramm 2

(wKh1, Dc3, Ta1, Tg1, Lc1, Lg2, Sf3, Ba2, b2, c4, f2, h2;

sKg8, Df4, Ta8, Td8, Lg4, Sf6, Sh4, Ba7, b7, c6, e6, f7, g7,h6)

Weiß hatte zuletzt mit 1.Sd2-f3 die schwarze Dame und gleichzeitig den Springer h4 angegriffen. Mit welchem kräftigen Konter gewann Dr. Michael Jordan als Schwarzer aber schnell?

Lösung:

Nach 1…Se4! war Weiß verloren.

Das Nehmen der Dame mit 2.Lxf4 ergibt nach 2…Sxf2 ein Ersticktes Matt.

Das gleiche Schicksal würde den weißen König nach 2.Dc2 Td2! (auch 2…Dxf3! 3.Lxf3 Lxf3+ 4.Tg2 Lxg2+ 5.Kg1 Sf3+ 6.Kxg2 Se1+ nebst 7…Sxc2 gewönne Haus und Hof) 3.Dxd2 Dxd2! 4.Sxd2 Sxf2 ereilen, während 3.De1 wiederum wegen 3…Dxf3! hoffnungslos wäre.    

Diagramm 3

 (wKg1, Dd1, Tc1, Tf1, Lg2, Sf3, Ba2, b2, d3, e2, f2, g3, h2;

sKg8, De6, Tb8, Tf8, Sc6, Sd5, Ba7, b7, c7, e5, f6, g7, h7)

In dieser so harmlos anmutenden (Allerwelts-) Stellung konnte Dr. Matthias Birke als Weißer mit einem obendrein auch noch harmlos scheinenden Zug zwangsläufig eine Figur gewinnen. Wie kam’s?

Lösung:

Nach 1.Db3! ging es dem Springer d5 an den Kragen; nach 1…Dd7 2.e4 gab Schwarz wegen des Springerverlusts auf.

Doch auch 1…Sa5 2.Db5 oder 1…Kh8 2.e4 oder 1…Tfe8 2.Sg5! mit der schrecklichen Drohung 3.Lxd5! hätten nicht mehr geholfen.

Diagramm 4

(wKb1, Dd2, Td1, Te1, Ld3, Lg5, Sc3, Sg3, Ba2, b2, c2, d4, f3, g2, h4;

sKg8, Da5, Ta8, Te8, Le6, Lg7, Sb6, Sf6, Ba7, b7, c5, d5, f7, g6, h7)

Hier wurde dem Schwarzen das versteckte Vis-à-vis der beiden Damen, vor allem die ungedeckte Lage der schwarzen, zum Verhängnis. Und zwar wie?

Lösung:

In einer „petite combinaison“ schlug Dr. Dieter Hardt als Weißer zuerst den Springer 1.Lxf6, um nach dem Wiedernehmen 1…Lxf6 mit 2.Sc3-e4! die schwarze Dame und den Läufer f6 gleichzeitig anzugreifen, wonach unweigerlich der Läufer verloren geht: 2…Dxd2 3.Sxf6+.

„Dummerweise“ rettet nun auch der Gegenangriff 2…Kg7 nicht mehr, weil Weiß vor dem Wiederschlagen der schwarzen Dame sich mit 3.Sxe8+! und Schachgebot auch noch beim schwarzen Turm bedient: 3…Txe8 4.Txd2.

Diagramm 5

(wKf3, Sc6, Bd5, e3, f4, h4;

sKf5, Sc5, f6, g7, h5)

Wie konnte Dr. Helmut Plöger als Weißer am Zug in einem „Zeitnot-Pingpong“, bei dem die Springer mehr übers Brett flogen als hoppelten, dieser Hektik nun ein abruptes Ende setzen?

Lösung:

Mit 1.Se7+! wurde der schwarze König trotz des reduzierten Materials einzügig mitten auf dem Brett mattgesetzt.

… besagte Schachgöttin
Dr. med. Helmut Pfleger