Schachblog Dr. Pfleger

von Dr. Helmut Pfleger

Gelungenes Ärzteturnier

26.08.2021

Zum zweiten Mal in Folge mussten sich die schachspielenden Ärzte einem tückischen Gegner zwar nicht geschlagen, aber mit weniger als den üblichen etwa 140 Teilnehmern bei ihrer immerhin schon 29. Deutschen Ärzteschachmeisterschaft zufrieden geben.
Wie schon Mitte März 2020, als unmittelbar danach nicht nur das sportliche Leben praktisch zum Erliegen kam, so trafen sich nach zweimaliger, pandemiebedingter Verschiebung auch vom 20.-22. August wiederum nur 80 Ärztinnen und Ärzte in Bad Homburg. Angst vor einer Sars-CoV2-Infektion, das durch die Regularien vorgeschriebene, lästige Tragen eines Mundnasenschutzes beim Aufstehen vom Brett, schon gebuchte Urlaube etc. ließen manchen diesmal im wahrsten Sinne des Wortes Abstand nehmen.

Trotz vorbildlicher Impfquote behielten manche Spieler ihren „Delta-Schutz“ auf.
Photo © Jan Wähner

Dennoch wurde es wieder ein rundum gelungenes Turnier. Das fing schon bei der Eröffnung am Freitagabend an, als Oberbürgermeister Alexander Hetjes eigens seinen Urlaubsbeginn um einige Stunden verschoben hatte, um die Ärztinnen und Ärzte wie jedes Jahr humorvoll „in der schönsten Stadt Deutschlands“ willkommen zu heißen und danach zu einem leckeren Buffet einzuladen. Dabei verriet er, dass sich ein 8-jähriges Mädchen kürzlich eine Schachpartie gegen ihn gewünscht hätte, und er – coram publico – gegen sie verlor. Ihm brach dabei ebenso wenig ein Zacken aus der Krone wie einst dem Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, als dieser beim Schulschachturnier „Rechtes gegen linkes Alsterufer“ in Hamburg mit 3000 Schülern für eine der Schulmannschaften antrat, ebenfalls gegen ein Mädchen verlor und danach „trotzdem“ das Schachspiel in höchsten Tönen lobte und von einer der sinnvollsten Veranstaltungen in seinem politischen Leben sprach.
Natürlich hörten die Ärzte auch mit großem Wohlgefallen, dass der für sechs Jahre wiedergewählte OB weiterhin die volle Unterstützung der Stadt für das Turnier versprach.

So können die Ärzte frohgemut und stolz ihrer 30. Meisterschaft, natürlich wieder in Bad Homburg, entgegenblicken – andere Berufsgruppen wie Juristen, Lehrer etc. tun sich da eher schwerer, lediglich die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) sind unter der Patronage der rührigen Emanuel Lasker Gesellschaft (Lasker war ja selbst ein herausragender Mathematiker, der „beim Spazierengehen ums Karree“ in Berlin mit Einstein über dessen Relativitätstheorie diskutierte) erfolgversprechend gestartet.

Wie jedes Jahr gab es am Freitagabend noch ein Blitzturnier, das der „Newcomer“ Dr. Blasius Nuber vor den „altgedienten“ Kämpen Dr. Hans-Joachim Hofstetter und Prof. Dr. Peter Krauseneck gewann.
Parallel dazu musste ich mich beim Simultanspiel gegen 23 Gegner (1 Verlust, 3 Remisen) diesmal allein meiner Haut erwehren, nachdem Alexander Donchenko leider absagen musste, weil er Deutschland zwar nicht am Hindukusch, aber doch immerhin bei der Europameisterschaft in Reykjavik verteidigen wollte und vorher in Quarantäne musste.

Die eigentliche Deutsche Ärztemeisterschaft – wie immer 9 Runden im Schnellschach – gewannen Dr. Nuber und der weitere „Neuling“ Dr. Konstantin Berger gemeinsam mit herausragenden 8 Punkten, wobei Nuber nach der Buchholzwertung vorne lag und so auch den vom Kollegen Dr. Jan Wähner gestalteten, wunderbaren Siegespokal, bei dem sich die Äskulapschlange um den König windet, mit nach Hause nehmen konnte.
Dieses junge Duo wies die „ältere Garde“ mit Dr. Hans-Jörg Cordes, Dr. Hofstetter, Prof. Krauseneck, Dr. Helmut Jacob und Dr. Erik Allgaier (kein Nachfahre des berühmten Wiener Schachmeisters) auf die Plätze (die ausführlichen Ranglisten sind angefügt).

Einmal mehr wurde die einzigartige, familiäre Atmosphäre des Turniers, bei dem mit Dr. Branko Spasojevic, Dr. Martin Schäfer und Prof. Krauseneck immerhin noch drei Unentwegte (das ist wie bei den zehn kleinen Negerlein) an allen Ärztemeisterschaften seit dem Beginn 1993 in Baden-Baden teilnahmen, gelobt und genossen.
Sowohl der ehemalige Geschäftsführer des Deutschen Schachbunds und Internationale Schiedsrichter Horst Metzing als auch der Neurologieprofessor Dr. Krauseneck bezeichnen die Ärztemeisterschaften unisono als die schönsten Turniere, die sie je erlebt hätten – und beide haben wahrlich viele erlebt.
So kam Dr. Ulrich Fincke eigens mit dem Flugzeug aus Schweden und eine glückliche Dr. Andrea Huppertz gar erst in letzter Minute, nachdem ein Kollege doch noch überraschend ihren Wochenenddienst übernehmen konnte.
Natürlich wuselten auch wie immer etliche Kleinkinder herum, die Mama (Dr. Anna Küßner-Brochhagen) oder, natürlich häufiger, Papa und Opa „unterstützten“, ein weiterer „Künstlerarzt“, Dr. Gunnar Riemer, hatte sogar schon liebevoll selbstgestaltete Adventskalender für die Kleinen mitgebracht.

Unbedingt muss aber noch des früheren stellvertretenden Chefredakteurs des Deutschen Ärzteblatts, Josef Maus, gedacht werden, der für seine jahrzehntelangen Verdienste um die Ärzteschachturniere einen ebenfalls von Dr. Wähner geschaffenen Ehrenpreis bekam; wenig überraschend war dies ebenfalls eine in Glas gebannte um einen König windende Äskulapschlange, am Computer entworfen.


Josef Maus hatte einst, mit etwas Assistenz von mir, die Ärzteturniere ins Leben gerufen und Jahrzehnte praktisch im Alleingang mit all den damit verbundenen organisatorischen Mühen gemeistert, wobei er stets, wie ein guter Arzt, ein offenes Ohr und Herz für die Nöte aller hatte.
Dabei wurde er von seiner Frau Hilla und der älteren Tochter Katharina unterstützt, die jeweils am Freitagabend die Ärzte empfingen, mit Namensschildern etc. „verarzteten“ und ein Begrüßungsgeschenk überreichten.
Und schienen die Probleme doch einmal über den Kopf zu wachsen, so half ihm seine in Jahrzehnten erworbene Widerstandskraft als leidgeprüfter Anhänger des 1. FC Köln.

Die Begründer des Ärzteschachs, zur linken
Josef Maus, zur rechten der Autor

Unterstützt wurde Josef Maus hierbei aber auch immer – sprich von der ersten Stunde an – von Jürgen Damman als bewährtem Turnierleiter und Schiedsrichter sowie Alexander Krauth und Reinhold Faißt, alle ebenso, zumindest ursprünglich, vom Badischen Schachverband wie Irene Steinke, die in den letzten Jahren hilfreich dazukam.
Ohne die logistische Unterstützung des Badischen Schachverbands wäre die Fortführung des Turniers unter der Federführung durch Prof. Krauseneck kaum möglich gewesen, nachdem die vorherige Zusammenarbeit mit dem Deutschen Schachbund unter dessen neuer Führung wenig erfreulich war – um das Mindeste zu sagen.

Zum guten Schluss mögen noch ein paar Glanzleistungen schachspielender Ärzte davon zeugen, dass auch nach Dr. med. Siegbert Tarrasch, dem „Praezeptor Germaniae“ und vor gut hundert Jahren neben Emanuel Lasker stärksten Schachspieler der Welt, auch heutige Ärzte ihr (Schach-) Metier verstehen.

(wKe1, Dd6, Ta1, Th1, Lg5, Sf5, Ba2, c3, c4, e2, f2, g3, h2;
sKe8, Dd8, Ta8, Tf8, Lb7, Sb8, Ba7, b6, c5, d7, e4, f6, g6, h7)

Beim Open in Bad Wörishofen 1985 hatte der Internist und Gastroenterologe Dr. Hans-Jörg Cordes, der Dritte der diesjährigen Meisterschaft, als Weißer gegen den englischen Großmeister und „Russentöter“ Tony Miles, der damals zu den stärksten Spielern der Welt zählte und Tal, Smyslow, Spassky und Karpow geschlagen hatte (Letzteren demütigte er als Schwarzer gar mit der unerhörten Frechheit 1.e4 a6! 2.d4 b5!) diese Diagrammstellung.
Sowohl sein Läufer g5 als auch sein Springer f5 sind angegriffen, und es bedarf eines grandiosen Coups des damals noch Medicus in spe, um den Wirrwarr siegreich aufzulösen. Wie kam’s?

Lösung:
Mit 1.De5+! bot Cordes den schwarzen Bauern auch noch seine Dame zum Schlagen an, auf 1…fxe5 wäre indes 2.Sd6 matt gefolgt. Also blieb nur 1…Kf7, nach 2.Sd6+ Kg7 3.Sxb7 hatte Weiß aber eine Figur erobert und einen guten Schritt vorwärts auf dem Weg zum Endsieg gemacht (wenn der Rest auch immer noch nicht einfach war).

(wKg1, De3, Te1, Ba5, b5, e5, g2, h3;
sKh6, Df4, Te8, La8, Bg4, g6)

30 Jahre später. Beim allseits gerühmten Open in Gibraltar 2015, bei dem vor allem auch die stärksten Frauen der Welt gerne teilnehmen, hatte Cordes als Schwarzer zwar eine Figur der Chinesin Hou Yifan, neben Judit Polgar unzweifelhaft die stärkste Frau der Welt, erobert, andererseits sind deren Freibauern in dieser völlig unklaren Stellung brandgefährlich.
In Zeitnot zog Cordes 38…Kg5?, um seinen König nach einem allfälligen Damentausch gleich ins Spiel zu bringen. Doch wie konnte die sympathische Chinesin jetzt sofort gewinnen?

Lösung:
Nach 39.h4+! gab Schwarz schon auf, weil er mindestens seine Dame verlöre.
Auf 39…Kf5 gewinnt 40.Tf1 ebenso wie das noch bessere 40.Dd3+! Ke6 (40…Le4 41.Dd7+) 41.Dd6+ Kf7 42.e6+! nebst 43.Dxf4.

(wKh1, Df1, Ta1, Ld3, Sd2, Sf3, Ba2, b2, c3, g2, h2;
sKg8, Df2, Te3, Tf8, Lg4, Ba6, b5, c7, d5, g7, h7)

Einen noch berühmteren Skalp hat Dr. Hofstetter, der Vierte der Ärztemeisterschaft, am Gürtel hängen.
Bei einem Uhren-Simultanspiel 2008 des Internet Chess Club mit 90 Minuten plus 5 Sekunden Zugabe pro Zug hatte der jetzige Weltmeister Magnus Carlsen, der damals bereits die Weltrangliste anführte, bei 20 Gegnern ein Ergebnis von 19:1 erzielt.
Seine einzige Niederlage erlitt er gegen Dr. Hofstetter, der als Augenarzt in dieser verwickelten Stellung nicht etwa an der von Tarrasch beschriebenen Amaurosis acutissima (akute Schachblindheit) litt, sondern schlichtweg klarer als der jetzige Weltmeister sah.
Wie konnte er als Schwarzer am Zug zwangsläufig in ein gewonnenes Endspiel abwickeln?

Lösung:
Nach 1…Te3xf3! 2.Sxf3 (2…gxf3 Dxd2) Txf3! 3.Le2 (3.gxf3 Lxf3+) Dxf1+ 4.Txf1 Txf1+ 5.Lxf1 c5 stand Carlsen mit einem Bauern weniger auf verlorenem Posten und musste sich schließlich geschlagen bekennen.

Doch gegen den Zweiten dieser Ärztemeisterschaft, Dr. Konstantin Berger, musste Hofstetter in der vorletzten Runde eine schmerzliche Niederlage einstecken. Allenfalls blieb ihm das Eingeständnis von Efim Bogoljubow (als dieser bei der Deutschen Meisterschaft 1949 gegen Lothar Schmid in einem „Springerwettfressen“ verloren hatte): „Die jungen Leute spielen viel zu stark!“

Berger – Hofstetter

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6 4.d4 exd4 5.0-0 Lc5 6.e5 d5 7.exf6 dxc4 8.fxg7 Tg8 9.Lg5 Dd5?


(wKg1, Dd1, Ta1, Tf1, Lg5, Sb1, Sf3, Ba2, b2, c2, f2, g2, g7, h2;
sKe8, Dd5, Ta8, Tg8, Lc8, Lc5, Sc6, Ba7, b7, c7, c4, d4, f7, h7)

„Das Motiv Sc3 war natürlich bekannt, aber …“ (Hofstetter)
10.Sc3! Df5 11.Te1+ Le6 12.Se4 Le7 13.Lxe7 Kxe7 14.Sxd4 Sxd4 15.Dxd4 b6 16.Sg3 Df6 17.Dxc4 Kd7 18.Tad1+ Kc8 19.Dc6 Kb8 20.Td7! Df4 21.Te7
„Aus die Maus“ (Hofstetter).

Zum guten Schluss sei auch noch des Bamberger Neurologieprofessors Dr. Peter Krauseneck gedacht, der mit großer Tatkraft die Führung des Ärzteschachs im neugegründeten Verein Medchess e.V. von Josef Maus übernahm und – ähnlich wie Dr. Hofstetter – einem ganz Großen die einzige Niederlage bei einer Simultanvorstellung beibringen konnte.
Anlässlich der „NeuroWoche“ 2010 am Klinikum Bamberg spielte der dreimalige Vize-Weltmeister Viktor Kortschnoi dort an 30 Brettern simultan und musste sich bei starker Gegnerschaft nur dessen vormaligem Direktor der Neurologie, Prof. Krauseneck, geschlagen geben. Offenbar mit einem beneidenswerten Arsenal an Angst abwehrenden Neuronen ausgestattet, ließ dieser seinen von Kortschnois Streitmacht wild attackierten König mutig ins freie Feld wandern und dort alle Gefahren und Stürme heil überstehen. Wie im Märchen, wo einer auszog, das Fürchten zu lernen.

Einmal mehr ist eine – trotz schwieriger Zeiten – harmonische Deutsche Ärzteschachmeisterschaft zu wohl fast aller Zufriedenheit zu Ende gegangen.

Helmut Pfleger


Schach hinter Gittern

10.05.2020

PSX_20191018_232920

Ich war insgesamt drei Mal zu Simultanveranstaltungen in der JVA Straubing und spielte unterer anderem gegen den „Mittagsmörder“ und den „Begonienmörder“, zwei Mordfälle, die damals große Schlagzeilen machten. Als Erinnerung daran steht in meinem Schachzimmer ein großer, von Gefangenen handgeschnitzter Schachturm, der an den Wachturm eines Gefängnisses erinnert.Seit Jahrzehnten gibt es in der JVA Straubing ein reges Schachleben, wovon auch eine eigene Zeitung, die „Kleine Schachpost“ kündet. Und eine Mannschaft der JVA nimmt an den Bezirksligakämpfen teil, wobei sie immer „Heimrecht“ hat. Ein zweifelhaftes Privileg, sicher würden die Insassen liebend gern Auswärtskämpfe bestreiten. Unwillkürlich erinnert dies an unser aller Schicksal in dieser Corona X-Zeit, in der auch wir dem „Heimzwang“ entfliehen möchten.An all das musste ich denken, als mir der Kollege Dr. Franz Jürgen Schell  bei der letzten Deutschen Ärzteschachmeisterschaft vom 13.-15. März in Bad Homburg – in der wir ein letztes Mal „frei“ und nicht nur im Internet aufspielen durften – von seinen Betriebsschachkämpfen im „Maßregelvollzug“ in Hamburg erzählte.Die dortige Asklepios Klinik Nord-Ochsenzoll ist die größte Psychiatrie Hamburgs; der Maßregelvollzug mit knapp 300 Betten ist aber oft mit mehr Patienten belegt, weil neben den Schwerverbrechern nun auch Abhängigkeitskranke dort behandelt werden.     Als vor ein paar Jahren eine linke Tageszeitung sich den Protest von solchen Patienten zu eigen machte, als diese keinen Ausgang erhielten, nachdem sie sich geweigert hatten, ihre Medikamente zu nehmen und an Therapien teilzunehmen, erklärte Kollege Schell als Pressesprecher von Asklepios dem Redakteur, dass der Freiheitswunsch der Patienten in der Tat ein hohes juristisches Gut darstelle, dem jedoch ein anderes, mindestens ebenso sehr zu beachtendes gegenüberstehe, nämlich das Sicherheitsbedürfnis der Hamburger Bevölkerung.Erinnert Sie das nicht an augenblickliche Diskussionen um das Primat der Gesundheit und Grundrechte?!Auch in Hamburg nimmt der Maßregelvollzug der Asklepios Klinik Nord an den Betriebssportwettkämpfen mit einer bunt gemischten Schachmannschaft teil, wobei Chefarzt Dr. Guntram Knecht (vor ein paar Jahren nahm er mit 6,5 Punkten erfolgreich am Ärzteschachturnier teil) an Brett 1 spielt, an Brett 3 Kollege Schell und danach u.a. ehemalige und aktuelle Patienten. Wobei Dr. Knecht das Schachspiel neben anderen Therapien auch als kleinen Baustein zur sozialen Reintegration ansieht.Um die Vorbereitung auch theoretisch zu unterfüttern, hat übrigens Kollege Schell kürzlich den Großteil einer geerbten Schachbibliothek den Stationen des Maßregelvollzugs vermacht – künftig müssen sich andere Betriebsschachgruppen beim Kampf dort wohl noch mehr vorsehen!Natürlich hat auch die Mannschaft des Maßregelvollzugs immer nur Heimspiele, wobei die „auswärtigen“ Mannschaften einige Sicherheitsschleusen, ähnlich wie an Flughäfen, passieren müssen. Nun aber Schach pur.                                                            Dr(wKg1, Dc2, Ta1, Te1, Lc1, Lg2, Sf3, Sf4, Ba2, b2, c3, d3, e4, f2, g3, h2;sKg8, Dc7, Ta8, Td8, Lc8, Le7, Se5, Sf6, Ba7, b6, c5, d5, e6, f7, g7, h7) Mit welcher hübschen Kombination konnte Dr. Schell für den Maßregelvollzug als Schwarzer am Zug gegen den ehemaligen Polizeikommissar Werner Stubbe von BWVL, einer Hamburger Behördenschachgruppe, gewinnbringend einen Bauern erobern?    Lösung:Mit dem Opfereinschlag 1…Sxd3! Nach 2.Sxd3 (2.Dxd3 dxe4 ist nicht besser) dxe4 3.Sde5 (auch hier macht 3.Sfe5 exd3 keinen grundlegenden Unterschied) exf3 4.Sxf3 gewann Schwarz einen wichtigen Bauern und später die Partie.      

Gelungenes Ärzteturnier in schwerer Zeit

von Dr. Helmut Pfleger

29.3.2020

Vom 13. bis 15. März fand in Bad Homburg die immerhin schon 28. Deutsche Ärztemeisterschaft trotz der anlaufenden Corona-Krise statt. Gründliche tägliche Prüfungen der Verlautbarungen und Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes und der Situation in Bad Homburg im Vorfeld hatten zu der Einschätzung geführt, dass das Turnier bei den großzügigen räumlichen Gegebenheiten bei Beachtung der hygienischen Vorgaben durchgeführt werden kann, zumal es sich um eine verantwortungsvolle und hygienebewusste Klientel handelt.

Nichtsdestoweniger ließen sich vorsichtigere Kollegen von den am letzten Tag vor Turnierbeginn zunehmenden Ausbreitungsmeldungen noch beeindrucken, so dass von den zuletzt angemeldeten 126 nur noch 79 Teilnehmer das Turnier aufnahmen.

Nachdem der Deutsche Schachbund dieses – auch von all seinen Präsidenten besuchte und hochgelobte – Turnier aus welchen Gründen auch immer nicht mehr mitträgt, hat sich der gemeinnützige Verein Medchess e.V. um den Bamberger Neurologieprofessor Dr. Peter Krauseneck und den Bad Kissinger Augenarzt Dr. Hans-Joachim Hofstetter als 1. und 2. Vorsitzendender, unterstützt von dem langjährigen Turnierleiter und Schiedsrichter Jürgen Dammann vom Badischen Schachverband als Schatzmeister, sowie Monika Mädler vom gleichnamigen Schachversand  als Schriftführerin und Dr. Jan Wähner, Berlin, als Pressewart und Webmaster als Trägerverein für dieses und die kommenden Turniere gegründet.

Freilich war es für die Durchführung des Turniers ausgesprochen hilfreich, dass man sich der ungebrochenen Unterstützung durch OB Alexander Hetjes, des ausrichtenden Hotels Maritim und der schachbegeisterten Hoteliers Joachim und Frank  Petry vom Parkhotel, denen schon viele hervorragende Turniere in dieser Bäderstadt zu verdanken waren, sicher sein konnte. Darüber hinaus haben zahlreiche Kollegen, die dieses traditionsreiche und einzigartige Turnier nicht missen wollten, dies durch ihre oft großzügigen Spenden ermöglicht.

 Besonders erwähnt sei hierbei Dr. Richard Berthold, neben seinem Beruf als Diabetologe ein unermüdlicher Marathonläufer überall auf der Welt, dank dem die Prowin-Akademie das Turnier nicht nur mit Fußbalsam und Zahnpasta – quasi ein Service von Kopf bis Fuß –  für jedermann, sondern auch mit einer hübschen Summe unterstützte.

Ein besonderer Dank gebührt auch Dr. Jan-Erik Wähner aus Berlin, der neben einem treffenden Logo mit einer sich um den König windenden Äskulapschlange auch das Plakat für diese Meisterschaft entwarf, bei dem die Dame den König mit einem Stethoskop auskultiert – schließlich dreht sich ja im „Königlichen Spiel“ letztendlich alles um dessen Wohlbefinden.

Lustigerweise fehlt auf dem Plakat auch nicht der Zusatz „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie bitte die Schachgöttin Caissa oder ……..“

Tja, diese Leerstelle konnte/musste man diesmal durch „Corona X-Virus“ ausfüllen, woran der „Künstlerarzt“ beim Entwerfen kaum gedacht haben dürfte.

Selbst zwei derer, die von Anfang an bei allen Ärztemeisterschaften dabei waren, blieben diesmal fern, sodass die Zahl der mittlerweile „28-Ender“ auf vier schrumpfte. Man wird unwillkürlich an die „Zehn kleinen Negerlein“ erinnert.

Unweigerlich beeinflusste dies, gerade anfangs, natürlich die Stimmung. Dennoch hellte sich diese – angesichts des familiären Charakters des Turniers möchte ich fast sagen „unvermeidlich“ – wieder auf.  Und einen geeigneteren Ausspruch als den von Prof. Dr. Eberhard Schwinger aus Lübeck zitierten: „Es gibt keinen besseren Ausweg von den Übeln des Lebens als eine gute Partie Schach“ (Francis Bacon) konnte man sich in dieser Lage nicht vorstellen. Ähnlich sagten es im Mittelalter schon der arabische Gelehrte Ibn ul Mutâzz: „Droht uns Gefahr, bedrückt uns die Angst, so ist das Schachspiel ein Freund in unserer Einsamkeit“ und der große spanische König Alfons X. der Weise: „Schach bietet dem Menschen Zerstreuung, wenn Kummer und Schmerz ihn zu übermannen drohen.“

Wie immer wurde das Turnier am Freitagabend mit einem Blitzturnier, welches Dr. Dirk Wildenrath und Prof. Krauseneck gemeinsam gewannen, sowie alternativ einer „normalen“ Simultanvorstellung durch die mit Abstand beste deutsche Schachspielerin Elisabeth Pähtz und einem Uhren-Handicap durch mich selbst eingeleitet.

Deutscher Ärztemeister wurde diesmal Dr. Rutz vor Dr. Bucur, Dr. Paust, Dr. Wildenrath, Dr. Csillag, Dr. Birke und Dr. Schaefer (die beiden letzten „Männer der ersten Stunde“! – übrigens ebenso wie Dr. Spasojevic und Prof. Krauseneck).Endtabelle_2020-1Herunterladen

Bei der Preisverteilung war der Gabentisch diesmal besonders üppig gedeckt, darunter acht prächtige Emanuel Lasker-Biographien, ein Geschenk von Thomas Weischede, dem Präsidenten der Emanuel-Lasker-Gesellschaft und etliche wertvolle DVDs der Firma Chessbase wie beispielsweise das neue Fritz 17.

Auch der Bücherstand des Ehepaars Manfred und Monika Mädler war wieder „üppig bestückt“, ich vermisste lediglich den ewigen Ladenhüter Der Arzt im Schachspiel des Dominikanermönchs Jakobus de Cessolis aus dem Mittelalter. Ein schönes Buch, das die Ärzte allerdings aus irgendwelchen Gründen wie der Teufel das Weihwasser meiden.

Ein besonders berührender Augenblick war die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft für den ehemaligen stellvertretenden Chefredakteur des Deutschen Ärzteblatts, Josef Maus.

Er hat das Ärzteschachturnier begründet und mit großem Einsatz, viel „Herzblut“, absoluter Verlässlichkeit und einem stets offenen Ohr für jedermann auch durch gelegentlich schwierige Zeiten „getragen“ und so zu dessen einzigartiger Atmosphäre wesentlich beigetragen. Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass sich neben dem 1. FC Köln auch diese außereheliche Liebe in seinem Herzen einnisten würde! Natürlich war dies nur möglich durch die Unterstützung seiner ganzen Familie, die mit ihrer freundlichen Präsenz eine „conditio sine qua non“ all dieser Jahre war.

Bevor ein paar Kombinationen des Turniers den Bericht abrunden sollen, sei noch vermerkt, dass schon das Datum der nächsten Ärztemeisterschaft feststeht: 19. bis 21. Februar 2021 wieder in Bad Homburg v.d.H.– bitte vormerken!

Diagramm 1

(wKf2, Dh8, Tc2, Tg1, Lc3, Lf1, Ba2, d5, e4, f3, h2;

sKe7, Df4, Tb1, La6, Sf6, Ba5, d7, f7, h7)

In hoher beiderseitiger Zeitnot spielte Dr. Jan-Erik Wähner als Schwarzer 1…Dxh2+ und gewann nach 2.Tg2 Txf1+ 3.Ke3 Dh6+ 4.Kd4 Txf3 schließlich.

Mit welcher herrlichen Opferkombination hätte er jedoch in drei Zügen mattsetzen können?

Lösung:

Mit dem Springeropfer 1…Sg4+!

Die Ablehnung des Opfers mit 2.Kg2 führt nach 2…Dxh2 gleich zum Matt, während die Annahme mit 2.Txg4 Txf1+ 3.Kg2 Dxf3 einen Zug länger dauert.

Diagramm 2

(wKh1, Dc3, Ta1, Tg1, Lc1, Lg2, Sf3, Ba2, b2, c4, f2, h2;

sKg8, Df4, Ta8, Td8, Lg4, Sf6, Sh4, Ba7, b7, c6, e6, f7, g7,h6)

Weiß hatte zuletzt mit 1.Sd2-f3 die schwarze Dame und gleichzeitig den Springer h4 angegriffen. Mit welchem kräftigen Konter gewann Dr. Michael Jordan als Schwarzer aber schnell?

Lösung:

Nach 1…Se4! war Weiß verloren.

Das Nehmen der Dame mit 2.Lxf4 ergibt nach 2…Sxf2 ein Ersticktes Matt.

Das gleiche Schicksal würde den weißen König nach 2.Dc2 Td2! (auch 2…Dxf3! 3.Lxf3 Lxf3+ 4.Tg2 Lxg2+ 5.Kg1 Sf3+ 6.Kxg2 Se1+ nebst 7…Sxc2 gewönne Haus und Hof) 3.Dxd2 Dxd2! 4.Sxd2 Sxf2 ereilen, während 3.De1 wiederum wegen 3…Dxf3! hoffnungslos wäre.    

Diagramm 3

 (wKg1, Dd1, Tc1, Tf1, Lg2, Sf3, Ba2, b2, d3, e2, f2, g3, h2;

sKg8, De6, Tb8, Tf8, Sc6, Sd5, Ba7, b7, c7, e5, f6, g7, h7)

In dieser so harmlos anmutenden (Allerwelts-) Stellung konnte Dr. Matthias Birke als Weißer mit einem obendrein auch noch harmlos scheinenden Zug zwangsläufig eine Figur gewinnen. Wie kam’s?

Lösung:

Nach 1.Db3! ging es dem Springer d5 an den Kragen; nach 1…Dd7 2.e4 gab Schwarz wegen des Springerverlusts auf.

Doch auch 1…Sa5 2.Db5 oder 1…Kh8 2.e4 oder 1…Tfe8 2.Sg5! mit der schrecklichen Drohung 3.Lxd5! hätten nicht mehr geholfen.

Diagramm 4

(wKb1, Dd2, Td1, Te1, Ld3, Lg5, Sc3, Sg3, Ba2, b2, c2, d4, f3, g2, h4;

sKg8, Da5, Ta8, Te8, Le6, Lg7, Sb6, Sf6, Ba7, b7, c5, d5, f7, g6, h7)

Hier wurde dem Schwarzen das versteckte Vis-à-vis der beiden Damen, vor allem die ungedeckte Lage der schwarzen, zum Verhängnis. Und zwar wie?

Lösung:

In einer „petite combinaison“ schlug Dr. Dieter Hardt als Weißer zuerst den Springer 1.Lxf6, um nach dem Wiedernehmen 1…Lxf6 mit 2.Sc3-e4! die schwarze Dame und den Läufer f6 gleichzeitig anzugreifen, wonach unweigerlich der Läufer verloren geht: 2…Dxd2 3.Sxf6+.

„Dummerweise“ rettet nun auch der Gegenangriff 2…Kg7 nicht mehr, weil Weiß vor dem Wiederschlagen der schwarzen Dame sich mit 3.Sxe8+! und Schachgebot auch noch beim schwarzen Turm bedient: 3…Txe8 4.Txd2.

Diagramm 5

(wKf3, Sc6, Bd5, e3, f4, h4;

sKf5, Sc5, f6, g7, h5)

Wie konnte Dr. Helmut Plöger als Weißer am Zug in einem „Zeitnot-Pingpong“, bei dem die Springer mehr übers Brett flogen als hoppelten, dieser Hektik nun ein abruptes Ende setzen?

Lösung:

Mit 1.Se7+! wurde der schwarze König trotz des reduzierten Materials einzügig mitten auf dem Brett mattgesetzt.

… besagte Schachgöttin
Dr. med. Helmut Pfleger