Chesstories

Auf dieser Seite werden geistreiche und lustige Anedokten aus der Schachwelt von unserem geschätzten Großmeisterautor Helmut Pfleger und anderen Autoren zusammengestellt.

Schach im Netz Teil 1: Youtube

von Dr. Franz Jürgen Schell

Romantiker, Kobolde und Dschungelcamper – die bunte Schachszene auf Youtube
Schach erlebt online einen ungeahnten Aufschwung. Darüber berichtete jetzt sogar die Sportschau:

https://www.sportschau.de/weitere/schach/video-corona-krise-sorgt-fuer-schach-boom-100.html

Der Boom betrifft nicht nur die Angebote selbst zu spielen unter Chess.com, Schacharena, Chess24 play.chessbase.com oder Lichess.org, wo ja auch regelmäßig unsere online Ärzteschaft Turniere stattfinden. Apropos: Für alle, die sich noch nicht angemeldet haben, hier noch einmal der Link zum Team

Ärzteschach: https://lichess.org/team/arzteschach.


Auch gibt es im Netz viel Schach zu sehen, zum Lernen und als Unterhaltung. Vermutlich kommen hier drei Faktoren zusammen, die das königliche Spiel befördern: Das gestiegene Interesse an einer Sportart, die als einzige im Pandemie-Lockdown online praktiziert werden kann, der Boom durch die Netflix-Serie „Damengambit“ und die „Arbeitslosigkeit“ von zahlreichen Schachprofis. „Over-the-board-Turniere“ finden derzeit fast nicht statt, Großmeistern fehlen die Einkünfte und so probieren sie die neuen, digitalen Vertriebswege. Dadurch ist das Angebot inzwischen riesig und kaum zu überschauen. Daher ist dies kein Review mit Anspruch auf Vollständigkeit, sondern lediglich eine Ansammlung von Kasuistiken, beruhend auf rein subjektiven Eindrücken.


Der Agadmator mit Ex-Weltmeister Anand.


Betrachten wir zunächst den Videokanal Youtube. Hier ist weltweit der Agadmator eindeutig „Schachweltmeister“. Der junge Kroate lud vor drei Jahren ein Hochzeitsvideo auf Youtube hoch und entdeckte dabei die Möglichkeiten der Plattform. Inzwischen hat er 900.000 Abonnenten, kündigte seine Arbeitsstelle und veröffentlicht hauptberuflich fast täglich ein neues Video mit einer Partie, die er kommentiert. Entweder von aktuellen Turnieren oder Klassiker. So gibt es schöne, historische Playlists wie die Paul Morphy Saga oder die Bobby Fischer Story. Der bekennende Schachromantiker ist Fan von Michael Tal und Raschid Neschmetdinow und bedauert jede vertane Chance, wenn das Evans-Gambit (e4-e5, Sf3-Sc6, Lc4-Lc5, b4) nicht aufs Brett kommt. Seine Kommentare sind Kult, das Design mit Fotos der Spieler ansprechend. Inzwischen produziert er auch Podcasts mit Top-Großmeistern und arbeitet an einem Schachmanga. Wie die übrigen Kommentatoren auch, fordert der Agadmator an kritischen Stellen der Partie auf, das Video anzuhalten und den besten Zug selbst zu tippen.


https://www.youtube.com/user/AGADMATOR


Der St. Louis Chess Club hat sich zum schachlichen Mekka der USA entwickelt und bietet eher Lehrvideos an.


https://www.youtube.com/channel/UCM-ONC2bCHytG2mYtKDmIeA

Einen Besuch wert sind auf jeden Fall die Kanäle zweier Engländer. Der eher britisch-zurückhaltende, Gentleman-like auftretende Großmeister Daniel King ist vielen als Kommentator auf Spiegel online bekannt.


Großmeister Daniel King


Auf dem Kanal PowerPlayChess zeigt er seine Begeisterung für kombinationsreiches Spiel. Dabei gräbt er interessante, ältere Partien aus oder kommentiert Aktuelles.


https://www.youtube.com/user/PowerPlayChess


Ganz anders, temperamentvoll, vor allem in den eigenen Partien, aber zugleich unterhaltsam ist Ginger GM, alias Simon Williams. Mit seinen feuerroten Haaren wirkt er wie ein keltischer Kobold, der entweder eigene Partien kommentiert oder auch Eröffnungen wie das Londoner System sehr gründlich erläutert.


Großmeister Simon Williams: Ginger GM is hot.


Inzwischen ist er mehr auf Twitch.TV als auf Youtube aktiv, auf diese Plattform werden wir später noch kommen. Der „scharfe“ Großmeister ist dabei mindestens so viel Entertainer wie Schachlehrer.


https://www.youtube.com/channel/UClV9nqHHcsrm2krkFDPPr-g


Alle bislang genannten Kanäle sind auf Englisch. Bei den deutschen Anbietern führt The Big Greek. Dahinter verbirgt sich der Schachjournalist und Internationale Meister Georgios Souleidis.


The Big Greek ist auf vielen Feldern aktiv.


Der studierte Kommunikationswissenschaftler startete seinen Kanal im Juni 2019. Dort vermittelt er Basiswissen, Taktik und zeigt Meisterpartien. Für zahlende Abonnenten („Subs“, kurz für Subscribers) veranstaltet er Turniere, Simultan und Wettkämpfe mit den Subs anderer Schachbetreiber.

https://www.youtube.com/channel/UCqY4_uXyOSwpbPpO4qiNDVA

Zur deutschsprachigen Nummer zwei hat sich der junge Großmeister Niklas Huschenbeth hochgearbeitet. Neben seinem Youtube-Kanal betreibt er noch eine professionelle online-Schachschule, in der er Trainingskurse per Video zum Erreichen der Spielstärken 1400, 1700 und 2000 DWZ anbietet: https://chessence.de/ Huschenbeth versucht bei seinen Partiekommentaren mitunter das Denken eines Großmeisters zu simulieren, in dem er laut Überlegungen anstellt und sie dabei so verlangsamt, dass der Amateur folgen kann.


Großmeister Niklas Huschenbeth blickt durch.


Sehr beliebt sind die „Streamerbattles“ zwischen den „Big Greek Aficinados“ oder auch „Spartaner“ genannt und den „Huschis“. Die Blitz-Paarungen orientieren sich an den Rating-Zahlen der Spieler und gehen von 1100 aufwärts. Köstlich die Reaktionen der Mentoren, wenn sie hilflos mitansehen müssen, wie sich Partien durch Nervosität, Zeitnot oder schlicht fehlender Übersicht komplett drehen. Auch wenn sie die guten Züge meist vergeblich ins Mikrofon rufen, denn der Stream läuft mit minimaler Zeitverzögerung, so dass die Spieler – selbst wenn sie entgegen der Regeln die Kommentare mithören – sie immer zu spät erfahren.


Kein Pokerface: Huschenbeth und Soleidis leiden mit.


So klar wie Huschenbeth in seinen Analysen ist, so leidenschaftlich geht er bei den Spielen mit. https://www.youtube.com/user/nichus2012


Übrigens bieten sehr viele Youtube-Kanäle auch Fanartikel wie Tassen und T-Shirts an, „Merchs“ genannt. Manchmal nur das Logo, gelegentlich auch mit charakteristischen Zitaten oder dem Konterfei des eher unbekannten Mr. Barnes, der Morphy mit seiner wilden Spielweise Paroli bot.
Noch mehr Entertainer als Schachspieler ist der Wahl-Hamburger Jan Gustafsson. Mit seinem trockenen Humor unterhält er bei „Geschwätzblitz“ und seinen „Lach- und Schachgeschichten“ auf Chess24, zu dessen Besitzern er gehört. Dabei spricht er mit Vorliebe über Trash-TV, neben Schach offenbar seine zweite große Leidenschaft.
Apropos – im Schach ist es wie im Fernsehen: In manchen Fällen verhalten sich individuelle Fertigkeiten und Sendungsbewusstsein genau umgekehrt proportional. Der Wirtschaftsprofessor Ulrich van Suntum führt seine Partien, die immerhin sogar Vereinsniveau erreichen, mit einer kindlichenLuci Begeisterung vor. Als erwähnenswerte Trophäe eines Titelträgers genügt dem selig lächelnden Senior unter den Schach-Youtubern mit der Basecap vermutlich schon der Sieg gegen einen Bade- oder Hausmeister.


Skurril ist auch der Ledator. Neben relativ normalen, schachlichen Lehrvideos zum Beispiel zu Endspielen liebt es der Schwabe, ausschweifend über die Objekte seiner größten Abneigung zu wettern: Amateurspieler. Die haben es ihm angetan, verderben sie doch das wunderbare strategische Spiel mit ihrem taktischen Firlefanz und ihrem Fetisch für hier völlig unangebrachten Sado-Maso-Praktiken wie Fesseln und Schlagen. Amateurspieler agieren doch tatsächlich so, als ginge es bei diesem edlen Wettstreit des Geistes nur darum, den Gegner irgendwie mattzusetzen. Unglaublich! Diesen verabscheuungswürdigen Amateurspielern ist alles zuzutrauen, so dass es nicht erstaunen würde, wenn der Ledator demnächst feststellen würde, dass sie auch für den Klimawandel und die Corona-Pandemie verantwortlich sind.
Youngster und zugleich „King“ in diesem Panoptikum ist Kugelbuch. Die schachlichen Fähigkeiten des Nachwuchstalents bleiben sehr überschaubar – „Mein Traum ist ein Rating von 1800“ –, aber dazu steht er und seine denglischen Kommentare strotzen vor Selbstbewusstsein: „Ich conneckte die Rooks und dann mate ich ihn mit Queen und Bishop“.


Je mehr Pfeile, desto mehr Schachkompetenz, davon ist Kugelbuch überzeugt.


Mit seinem Slang, der Internationalität simulieren soll und auch einfachste Aussagen very impressive klingen lässt, wirkt er wie ein Vertreter anstrengender Social Media Marketingagenturen. Die Jugend liebt den Schlaks auf seinem Entdeckungspfad oder besser pathway in den jungle der 64 squares und fiebert mit, ob das einzügige Matt tatsächlich gegeben oder die Queen ge-lost wird. Der Erfolg gibt dem mentalen Dschungelcamper recht.
Natürlich gibt es noch zahlreiche weitere interessante und selbstverständlich auch gute Schach-Youtuber, auf die ich aus Platzgründen nicht eingehen kann. Diese warten auf Ihre Entdeckung, darunter auch Elisabeth Pähtz, die wir vom Ärzteschachturnier kennen.
Wer das „Damengambit“ auf Netflix gesehen hat und gerne noch einen längeren Blick aufs Brett geworfen oder gar eine der Partien von Beth Harmon analysiert hätte, dem können einige der erwähnten Youtuber helfen. Der Agadmator zeigte als erster mehrere Partien – und demonstrierte auch die realen Vorbilder. . https://www.youtube.com/watch?v=oIMaTKOZG-8 Wer es lieber auf Deutsch mag, der wird beim regen Griechen fündig. https://www.youtube.com/watch?v=f1ocwvA3djk


Und hier noch ein Rätsel. Wie hat Elizabeth Harmon in der Serie „Damengambit“ hier Harry Beltik in sieben Zügen Matt gesetzt? (Die Originalpartie ist von Neschmetdinow und der Screenshot vom Agadmator.)

Lösung:
⦁ Dg6.+ – Kg6:
⦁ T1f6+ – Kg5
⦁ Tf5+ – Kh6
⦁ T7f6+ – Kh7
⦁ Th5+ – Kg7
⦁ Tg5+ – Kh7
⦁ Lf5#

Schach im Netz 2: Twitch.tv

„Tanzen, Singen – und Schach trainieren“

von Dr. Franz Jürgen Schell


Ich kannte Twitch.tv bislang nur als eines der neuen, suspekten Medien, bei denen meine Kinder anderen dabei zusahen, wie diese irgendwelche Trickfiguren in sinnlose Schlachten steuerten. Dabei liefen im Chat (der Dialogspalte) unverständliche Kommentare der Zuschauer. Speziell dieser Chat macht aber tatsächlich einen wichtigen Unterschied zu Youtube aus, wo Kommentare nur nachträglich eingestellt werden: Kann hier doch in Echtzeit eine Frage gestellt oder ein Zug vorgeschlagen werden und der „Streamer“ kann darauf direkt eingehen und antworten. Bei dem Twitch-Champ und Social Media-Schachweltmeister Hikaru Nakamura geschieht das eher selten. Zu schnell rauschen die Textzeilen seiner Tausenden von Live-Zuschauern durch. Ganz anders in den „kleineren Runden“. Da ergeben sich manchmal richtige Gespräche. Als die Chatgruppe von Großmeister Gata Kamsky ihr Wissen über den früheren Weltmeister Alexander Aljechin (Angelsächsisch übrigens Ellekain genannt) zusammentrug, erwähnte ich dessen Neigung zu deutlich älteren Partnerinnen. Darauf sagte Kamsky auf meinen Lichess-Nickname anspielend: „Oh you are a real psychodoc.“


Gata Kamsky lebt derzeit in Straßburg und betätigt sich vorwiegend online.

Twitch-Streamer verdienen ihr Geld nicht nur mit Werbung vor der Übertragung, sondern durch Abonnements. Diese kosten 5 Euro/Monat. Da Twitch zu Amazon-Gaming gehört, hat jeder Amazon-Prime-Kunde ein Abo monatlich kostenlos. Frei zu sehen sind die Streams (Liveübertragungen) alle. Für Abonnenten gibt es Zusatzfeatures, meistens die Möglichkeit, gegen die Streamer zu spielen. Bei Kamsky, der immerhin mal zu den fünf besten Spielern der Welt gehörte, ist das jede Woche ein Simultan sowie ein thematisches Trainingsturnier mit wechselnden, vorgegebenen Eröffnungen und ein Chess960 Turnier. Dazu kommen auch hier in unregelmäßigen Abständen „Streamerbattles“ und das Angebot, ihn zum Blitzen herauszufordern.


Hier die Streamer-Battle Kamsky gegen Jobava, bei der ich mitspielte und – weil Jobavas Team zu wenig Spieler meines Ratings hatte – zu ihm wechselte. Dabei gewann ich auch noch, so dass mein eigentliches Team, also das von Kamsky verlor. Dumm gelaufen…
Die Qualität von Kamskys Analysen als Kommentare zu Großmeisterpartien und auch nur während der Blitz- und Simultanpartien sind außergewöhnlich gut und sehr lehrreich. Gerade bei positionellen Fragen und Endspielen kann man sehr viel lernen. Ich selbst finde den Preis für dieses Angebot (eine Simultanpartie für 1,25 €!) sogar fast peinlich günstig, aber man kann auch während der Streams etwas spenden.

https://www.twitch.tv/igmgatakamsky


Kamsky wirkt mitunter etwas „grantelig“, wie man in Süddeutschand sagen würde. Besonders deutlich wird das, wenn er Gegner in Verdacht hat, elektronisches Doping zu betreiben, also mit Hilfe eines Computerprogramms zu „cheaten“. Tatsächlich kommt das beim „Titled Tuesday“, wo er an einem Turnier für Titelträger teilnimmt, leider nicht allzu selten vor. Dort trumpfen mitunter Fidemeister mit einer Genauigkeit von 97 % in dreiminütigen Blitzpartien auf. Wären das reelle Ergebnisse, könnten sie es damit unter die Top 100 der Welt schaffen…
Ein spektakulärer Spielstil zieht automatisch mehr Publikum an. Der internationale Meister Eric Rosen spielt fast ausschließlich fragwürdige, aber interessante Gambits gegen seine Unterstützer. Der harmlos wirkende US-Amerikaner mit den traurigen Augen und einer sanften Stimme, mit der sich eine Yoga-Asana noch besser als das Stefford-Gambit erläutern ließ, beginnt so kaum eine Partie ohne Bauernvorgabe oder wildem Bauernvorstoß wie g4 oder h4.

https://www.twitch.tv/imrosen


Im Wettbewerb der vielen Schachmeister und Streamer auf Twitch sind Mehrfachbegabungen natürlich hilfreich. So unterhält die aus der Ukraine stammende und in Deutschland lebende AngelikaChessborn ihr Publikum in den Pausen zwischen den Partien mit Gesang.

https://www.twitch.tv/angelikachessborn


Musik und Schach passen gut zusammen, wie auch AngelikaChessborn belegt.


Ein anderes Phänomen ist der georgische Großmeister Baadur Jobava. Auch er pflegt einen spannenden, aggressiven Spielstil. Während der meisten Blitzpartien tanzt James Blunder, wie er sich auf Twitch nennt, vor der Kamera zu flotter Musik, von Hiphop bis Metal. Dabei verströmt er eine so ansteckend gute Laune, dass er als ideales Gegenmittel für jede Lockdown verstärkte saisonale Depression wirkt: https://www.twitch.tv/jamesblunder


Großmeister Baadur Jobava macht mehr Stimmung als mancher Discjockey.


Auch auf Twitch gibt es Kurioses zu bestaunen. So treten dort einige junge Damen auf, deren Talent für die eigene Figur deutlich stärker ausgeprägt ist als ihre Fähigkeiten beim Zug der Figuren auf dem Brett. Mit ihren ansprechend geschnürten Dekolletés könnten sie auch auf dem Oktoberfest reüssieren. Da sie speziell uns Ärzten aber weder schachlich noch anatomisch Interessantes zu bieten haben, sei darauf nicht weiter eingegangen.


Besonders beliebt sind bei den zahlenden Abonnenten die Simultanveranstaltungen. Kann man doch hier selbst gegen einen Großmeister, manchmal gar eine Legende, antreten. In der Regel erhält man ca. 30 Minuten Bedenkzeit plus Inkrement, also z.B. für jeden absolvierten Zug weitere zehn Sekunden. Damit ähnelt das schon fast einer „normalen“ Partie am Brett. Natürlich sieht der Großmeister, der doppelt so viel Bedenkzeit (bei 30 Gegnern) hat, in drei Sekunden mehr als unsereiner bei minutenlangem Nachdenken. Aber man ist nicht ganz chancenlos. Ein knappes Drittel der Partien gewinnt z.B. Kamsky im Schnitt nicht. Er verliert sehr wenig, aber ein Remis ist bei genauem Spiel doch manchmal erreichbar. Wenn sich der Simultanspieler bei der Bedenkzeit grob verkalkuliert, und er dann die Mehrzahl der Partien durch Zeitüberschreitung verliert, wie es The Big Greek schon mal passierte, ist das auch für seine Gegner nicht wirklich befriedigend.


Bei meinen eigenen Simultanteilnahmen steht es nach vier Partien zwischen Gata Kamsky und mir durch etwas Glück 2:2. In der ersten Begegnung hoffnungslos unter die Räder geraten, endeten Spiel 2 und 4 umkämpft im remis. In der dritten Partie hatte ich in einer wilden, völlig inkorrekten Variante eine Qualität verloren. Mit dem letzten Zug Th1-b1 wollte ich dem vorwitzigen Springer den Weg aus der Ecke erschweren und zugleich auf der siebten Reihe im Trüben fischen. Verständlich, dass Schwarz meine Dame aus der Nähe seiner Königsstellung vertreiben will, aber der letzte Zug Ta8-e8?? war ein „big blunder“, der sofort verliert. Alle Kollegen, die an den online-Turnieren des Ärzteschachs teilnehmen, werden das sicher schnell sehen. Wo wir dabei sind, falls sich jemand noch nicht angemeldet hat, hier noch einmal der Link zum Team: 

https://lichess.org/team/arzteschach.

Kleiner Hinweis: Tb1 gefiel mir auch deshalb so gut, weil sich aufgrund des gleichen Motivs ihm kein schwarzer Turm entgegenstellen kann.

Lösung: Dxe8! Gewinnt einen Turm, weil nach dem Schlagen der weißen Dame durch den Turm die schwarze Dame nicht mehr durch die Fesselung auf der f-Linie vor dem Schlagen geschützt ist.

Schach im Netz Teil 3: Online-Schach, wie geht das? Tipps für Einsteiger.

von Dr. Franz Jürgen Schell


Wenn man das klassische Schach mit weiteren Figuren gewohnt ist („over the Board“), erscheint das Onlinespielen per Computer merkwürdig. Ich zumindest hatte lange Zeit Aversionen dagegen und begann erst im April 2020, mich aufgrund mangelnder Alternativen darauf einzulassen. Es ist eigenartig, dem Gegner nicht in die Augen schauen zu können, noch nicht einmal zu wissen wer er ist, wie er aussieht oder oft auch nur aus welchem Land er kommt.
Aber das Onlinespielen bietet auch eine Reihe von Vorzügen. Ich kann jederzeit, frühmorgens oder mitten in der Nacht, Spielpartner finden und dabei selbst die gewünschte Bedenkzeit festlegen. Ich kann am Rechner im Arbeitszimmer spielen, aber auch auf der Wohnzimmercouch, auf dem Balkon, ja sogar im Bett oder in der Badewanne …Ebenso zeitlich flexibel kann ich an Turnieren teilnehmen oder an Mannschaftswettkämpfen, die – in der Quarantäneliga zum Beispiel – zweimal pro Woche stattfinden und damit eine Frequenz erreichen, die es im klassischen Blitz so kaum gibt. Ich finde auch für altbekannte wie auch skurril-verschrobene Schachvarianten wie Räuberschach oder Tandem immer passende Gegner.
Voraussetzungen, um online Schach zu spielen, sind lediglich eine E-Mail-Adresse und ein Internetzugang. Kosten fallen nicht zwangsläufig an. Das Onlinespielen ist bei den meisten Plattformen unentgeltlich möglich. Oft ganz anonym, als Gast oder mit einem selbst gewählten Alias. Letzteres ist weitaus reizvoller, weil man mit zunehmender Zahl an Partien ein immer präziseres Rating der eigenen Spielstärke erhält und dann bei freien Partien und teilweise auch bei Turnieren Gegner mit ähnlicher Spielstärke zugelost werden.


Bei der Anmeldung auf einer der großen Plattformen wie https://www.chess.com/de oder https://www.lichess.org wählt man ein Pseudonym oder Nickname sowie ein Passwort und schon kann’s losgehen. Unter uns Ärzten sind als Pseudonyme der eigene Name, Bezüge zum eigenen Fachgebiet oder zu fiktionalen Geschichten bis hin zu Symptomen beliebt. Gerne werden auch Wortspiele und Bezüge auf berühmte Schachspieler gewählt. Es geht aber auch andersherum: Sollten Sie auf einen starken Gegner namens Dr. Nykterstein treffen, dann sitzen Sie keinem Akademiker oder gar Kollegen gegenüber, sondern dem Weltmeister Magnus Carlsen persönlich.
Wer es nicht sofort mit einem Gegner aus dem Internet versuchen will, kann auch Rätsel lösen („Puzzles“) oder zunächst gegen den Computer spielen. Der bietet verschiedene „Spieler“ mit unterschiedlichen Eigenschaften an.

Auch gegen die fiktive Schachmeisterin Beth Harmon aus der Serie „Damengambit“ von Netflix kann man auf verschiedenen Plattformen spielen.


Gespielt werden kann auf einem Computer (Desktop oder Notebook) ebenso wie auf einem Tablet oder Handy. Für die mobilen Geräte gibt es Apps, die das Spiel erleichtern. Technische Probleme wie unsichtbare Figuren oder Verbindungsabbrüche sind damit weniger häufig. Ein Nachteil ist jedoch die schlechtere Möglichkeit zu „premoven“, also ein oder mehrere Züge im Voraus festzulegen, ungeachtet von der Antwort des Gegners. Das kann bei Entscheidungen, wenn es um wenige Sekunden geht, auch schon einmal Punkte kosten.
Das Premoven ist z.B. im Endspiel hilfreich, wenn ich einen Bauern zur Umwandlung vorschieben muss. In der Eröffnung kann es zum Desaster führen. So beobachtete ich, wie weiß nach g3 offenbar Lg2 vorab festgelegt hatte und nach dem schwarzen Lh3 Läufer und Turm verlor …
Es gibt fünf Kategorien bei der Bedenkzeit pro Partie und Spieler:
⦁ Bullet bzw. Ultrabullet: 1-2 Min. bzw. 30 Sek.
⦁ Blitz: 3-5 Min.
⦁ Schnellschach: 10-30 Min.
⦁ Normal: über 30 Min.
⦁ Fernschach: mehrere Tage

Die meisten Plattformen wie hier Lichess.org bieten eine große Auswahl an Bedenkzeiten und lassen auch selbst gewählte Zeitvorgaben zu.


Die gewählte Bedenkzeit lässt sich mit einem „Inkrement“ kombinieren. Das bedeutet für jeden Zug gibt es einige Sekunden zusätzlich als Bedenkzeit. Beliebte Kombinationen sind zum Beispiel 2+1 (2 Min. + 1 Sek. Inkrement) oder 3 + 2 (3 Minuten + 2 Sekunden je Zug).
Das Rating wird auf Lichess für jede Kategorie vergeben. Bei mir z.B. ist es im Bullet weit mehr als 100 Punkte schlechter als im Blitz und Schnellschach, offensichtlich ein typisches Phänomen bei – nun ja, nicht mehr ganz so jungen Menschen. Denn auch ohne Polyarthritis der Finger, Hirndurchblutungsstörungen oder beginnende Demenz sind die extrem schnellen Spielformen ein Primat der Jugend und von Spezialtalenten.
So verweigert sich der bereits erwähnte Großmeister Gata Kamsky dem Bullet und verweist darauf, dass er dafür zu alt sei. Dabei gälte der Frührentner im Ultraschnellschach in fast allen medizinischen Fachrichtungen – mit Ausnahme der Pädiatrie – als juveniler Patient, er ist 46! Der ebenfalls schon bekannte IM The Big Greek ist zwei Jahre älter und spielt (noch) Ein-Minutenpartien, gewährt seinen Gegnern dabei sogar mehr Bedenkzeit. Allerdings spielt Georgios Souleidis, wie er bürgerlich heißt, gegen seine Follower und deren Rating ist zwischen 300 und 1.200 Punkte schlechter. Das scheint das Altershandicap wettzumachen…
Mit welchen bösen Überraschungen man gerade beim Hyperbullet-Schach rechnen muss, erlebte kürzlich der Supergroßmeister Anish Giri, der bei einem Stream von GM Niclas Huschenbeth zu Gast war. Er wurde vom Fritzi_2003 zu 30-Sekunden-Partien herausgefordert. Dabei hatte der Niederländer russisch-nepalesischer Abstammung, immerhin Nr. 11 der Weltrangliste, größte Mühe gegen den jungen Streamer, der mehrere Partien durch Zeit gewann, meistens auf Verlust oder einen Zug vor dem Matt stand. https://www.youtube.com/watch?v=j58mK0MZvIM
Giri entging nur ganz knapp einer Megablamage und gewann, denn Huschenbeth erklärte das Duell für beendet, als Giri endlich einen Punkt mehr hatte. Die Zuschauer, von denen sich wohl einige auch die Gelegenheit auf eine Partie gegen den Weltklassespieler erhofft hatten, genossen die gleichermaßen blitzschnelle wie verbissene Auseinandersetzung allenfalls partiell: Ließ die Geschwindigkeit kaum das Verfolgen der Pläne oder gar eine sinnvolle Kommentierung der jeweiligen Partie zu.

Im Hyperbullet Match gegen Fritzi_2003 war der war der sonst so sympathisch und humorvoll auftretende Großmeister Anish Giri sichtlich unzufrieden.


Wer also mit online-Schach beginnt, sollte ein Zeitformat wählen, das angenehm ist. Auch sollte man dabei die Möglichkeit des Inkrements nutzen, lässt sich so ein Verlust durch eine frustrierende Zeitüberschreitung vermeiden. Und wer zunächst einmal mit Spielern die Klinge kreuzen möchte, die er kennt, dem seien unsere Ärzte-Schachturniere nahegelegt, hier der Link zum Team: https://lichess.org/team/arzteschach.

Das schachliche Konsil mit Dr. FJS:
Wie hätten Sie gezogen? 

Diese Partie gewann Giri, obwohl er mit 12 gegen 17 Sekunden wieder arg in „Zeitnot“ geraten war. Behaupte doch niemand, man könne in maximal einer halben Minute keine Partie mit Matt beenden! Wie setzte der niederländische Supergroßmeister in vier Zügen matt, weil Fritzi mit den flinken Fingern zu gierig war und sein Angebot nicht abzulehnen vermochte?

Lösung: Sf5-gf?? (Se8! hätte Fritzi gerettet, weil die zweite Mattdrohung Se7: vom anderen Springer auf d5 verhindert wird)
Tg3+ – Sg4
Txg4+ fg
Tg4:#

Über den Author:

Kurzbio: Dr. med. Franz Jürgen Schell, *1961, beruflich Medizinischer Pressesprecher der Asklepios Kliniken. Turnierschachspieler 1978-1982, damals Ingozahl 95 (entspricht 2080 Elo). Beste Leistungen: zeitgleich Rheinlandmeister der Jugend und Herren, Sieg als 17-Jähriger im Simultan gegen Dr. Robert Hübner. 1982-2017 schachliche Pause (mit Ausnahme der Ärzteschachmeisterschaft natürlich!) wg. Studium, Arbeit, Familiengründung und anderer zeitraubender Nebensächlichkeiten. Seit 2017 in der Betriebssportmannschaft Schach des Maßregelvollzugs der Asklepios Klinik Nord – Ochsenzoll und seit Januar 2020 wieder Turnierschach in einem kleinen Verein: Bramfelder Schachklub 1947. Wegen fehlendem Schach am Brett seit April 2020 leidenschaftlicher online-Spieler.

Schach hinter Gittern

von Dr. Helmut Pfleger

10.05.2020

PSX_20191018_232920Ich war insgesamt drei Mal zu Simultanveranstaltungen in der JVA Straubing und spielte unterer anderem gegen den „Mittagsmörder“ und den „Begonienmörder“, zwei Mordfälle, die damals große Schlagzeilen machten. Als Erinnerung daran steht in meinem Schachzimmer ein großer, von Gefangenen handgeschnitzter Schachturm, der an den Wachturm eines Gefängnisses erinnert.Seit Jahrzehnten gibt es in der JVA Straubing ein reges Schachleben, wovon auch eine eigene Zeitung, die „Kleine Schachpost“ kündet. Und eine Mannschaft der JVA nimmt an den Bezirksligakämpfen teil, wobei sie immer „Heimrecht“ hat. Ein zweifelhaftes Privileg, sicher würden die Insassen liebend gern Auswärtskämpfe bestreiten. Unwillkürlich erinnert dies an unser aller Schicksal in dieser Corona X-Zeit, in der auch wir dem „Heimzwang“ entfliehen möchten.An all das musste ich denken, als mir der Kollege Dr. Franz Jürgen Schell  bei der letzten Deutschen Ärzteschachmeisterschaft vom 13.-15. März in Bad Homburg – in der wir ein letztes Mal „frei“ und nicht nur im Internet aufspielen durften – von seinen Betriebsschachkämpfen im „Maßregelvollzug“ in Hamburg erzählte.Die dortige Asklepios Klinik Nord-Ochsenzoll ist die größte Psychiatrie Hamburgs; der Maßregelvollzug mit knapp 300 Betten ist aber oft mit mehr Patienten belegt, weil neben den Schwerverbrechern nun auch Abhängigkeitskranke dort behandelt werden.     Als vor ein paar Jahren eine linke Tageszeitung sich den Protest von solchen Patienten zu eigen machte, als diese keinen Ausgang erhielten, nachdem sie sich geweigert hatten, ihre Medikamente zu nehmen und an Therapien teilzunehmen, erklärte Kollege Schell als Pressesprecher von Asklepios dem Redakteur, dass der Freiheitswunsch der Patienten in der Tat ein hohes juristisches Gut darstelle, dem jedoch ein anderes, mindestens ebenso sehr zu beachtendes gegenüberstehe, nämlich das Sicherheitsbedürfnis der Hamburger Bevölkerung.Erinnert Sie das nicht an augenblickliche Diskussionen um das Primat der Gesundheit und Grundrechte?!Auch in Hamburg nimmt der Maßregelvollzug der Asklepios Klinik Nord an den Betriebssportwettkämpfen mit einer bunt gemischten Schachmannschaft teil, wobei Chefarzt Dr. Guntram Knecht (vor ein paar Jahren nahm er mit 6,5 Punkten erfolgreich am Ärzteschachturnier teil) an Brett 1 spielt, an Brett 3 Kollege Schell und danach u.a. ehemalige und aktuelle Patienten. Wobei Dr. Knecht das Schachspiel neben anderen Therapien auch als kleinen Baustein zur sozialen Reintegration ansieht.Um die Vorbereitung auch theoretisch zu unterfüttern, hat übrigens Kollege Schell kürzlich den Großteil einer geerbten Schachbibliothek den Stationen des Maßregelvollzugs vermacht – künftig müssen sich andere Betriebsschachgruppen beim Kampf dort wohl noch mehr vorsehen!Natürlich hat auch die Mannschaft des Maßregelvollzugs immer nur Heimspiele, wobei die „auswärtigen“ Mannschaften einige Sicherheitsschleusen, ähnlich wie an Flughäfen, passieren müssen. Nun aber Schach pur.                                                            Dr(wKg1, Dc2, Ta1, Te1, Lc1, Lg2, Sf3, Sf4, Ba2, b2, c3, d3, e4, f2, g3, h2;sKg8, Dc7, Ta8, Td8, Lc8, Le7, Se5, Sf6, Ba7, b6, c5, d5, e6, f7, g7, h7) Mit welcher hübschen Kombination konnte Dr. Schell für den Maßregelvollzug als Schwarzer am Zug gegen den ehemaligen Polizeikommissar Werner Stubbe von BWVL, einer Hamburger Behördenschachgruppe, gewinnbringend einen Bauern erobern?    Lösung:Mit dem Opfereinschlag 1…Sxd3! Nach 2.Sxd3 (2.Dxd3 dxe4 ist nicht besser) dxe4 3.Sde5 (auch hier macht 3.Sfe5 exd3 keinen grundlegenden Unterschied) exf3 4.Sxf3 gewann Schwarz einen wichtigen Bauern und später die Partie.      

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Gelungenes Ärzteturnier in schwerer Zeit

von Dr. Helmut Pfleger

29.3.2020

Vom 13. bis 15. März fand in Bad Homburg die immerhin schon 28. Deutsche Ärztemeisterschaft trotz der anlaufenden Corona-Krise statt. Gründliche tägliche Prüfungen der Verlautbarungen und Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes und der Situation in Bad Homburg im Vorfeld hatten zu der Einschätzung geführt, dass das Turnier bei den großzügigen räumlichen Gegebenheiten bei Beachtung der hygienischen Vorgaben durchgeführt werden kann, zumal es sich um eine verantwortungsvolle und hygienebewusste Klientel handelt.

Nichtsdestoweniger ließen sich vorsichtigere Kollegen von den am letzten Tag vor Turnierbeginn zunehmenden Ausbreitungsmeldungen noch beeindrucken, so dass von den zuletzt angemeldeten 126 nur noch 79 Teilnehmer das Turnier aufnahmen.

Nachdem der Deutsche Schachbund dieses – auch von all seinen Präsidenten besuchte und hochgelobte – Turnier aus welchen Gründen auch immer nicht mehr mitträgt, hat sich der gemeinnützige Verein Medchess e.V. um den Bamberger Neurologieprofessor Dr. Peter Krauseneck und den Bad Kissinger Augenarzt Dr. Hans-Joachim Hofstetter als 1. und 2. Vorsitzendender, unterstützt von dem langjährigen Turnierleiter und Schiedsrichter Jürgen Dammann vom Badischen Schachverband als Schatzmeister, sowie Monika Mädler vom gleichnamigen Schachversand  als Schriftführerin und Dr. Jan Wähner, Berlin, als Pressewart und Webmaster als Trägerverein für dieses und die kommenden Turniere gegründet.

Freilich war es für die Durchführung des Turniers ausgesprochen hilfreich, dass man sich der ungebrochenen Unterstützung durch OB Alexander Hetjes, des ausrichtenden Hotels Maritim und der schachbegeisterten Hoteliers Joachim und Frank  Petry vom Parkhotel, denen schon viele hervorragende Turniere in dieser Bäderstadt zu verdanken waren, sicher sein konnte. Darüber hinaus haben zahlreiche Kollegen, die dieses traditionsreiche und einzigartige Turnier nicht missen wollten, dies durch ihre oft großzügigen Spenden ermöglicht.

 Besonders erwähnt sei hierbei Dr. Richard Berthold, neben seinem Beruf als Diabetologe ein unermüdlicher Marathonläufer überall auf der Welt, dank dem die Prowin-Akademie das Turnier nicht nur mit Fußbalsam und Zahnpasta – quasi ein Service von Kopf bis Fuß –  für jedermann, sondern auch mit einer hübschen Summe unterstützte.

Ein besonderer Dank gebührt auch Dr. Jan-Erik Wähner aus Berlin, der neben einem treffenden Logo mit einer sich um den König windenden Äskulapschlange auch das Plakat für diese Meisterschaft entwarf, bei dem die Dame den König mit einem Stethoskop auskultiert – schließlich dreht sich ja im „Königlichen Spiel“ letztendlich alles um dessen Wohlbefinden.

Lustigerweise fehlt auf dem Plakat auch nicht der Zusatz „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie bitte die Schachgöttin Caissa oder ……..“

Tja, diese Leerstelle konnte/musste man diesmal durch „Corona X-Virus“ ausfüllen, woran der „Künstlerarzt“ beim Entwerfen kaum gedacht haben dürfte.

 

Selbst zwei derer, die von Anfang an bei allen Ärztemeisterschaften dabei waren, blieben diesmal fern, sodass die Zahl der mittlerweile „28-Ender“ auf vier schrumpfte. Man wird unwillkürlich an die „Zehn kleinen Negerlein“ erinnert.

Unweigerlich beeinflusste dies, gerade anfangs, natürlich die Stimmung. Dennoch hellte sich diese – angesichts des familiären Charakters des Turniers möchte ich fast sagen „unvermeidlich“ – wieder auf.  Und einen geeigneteren Ausspruch als den von Prof. Dr. Eberhard Schwinger aus Lübeck zitierten: „Es gibt keinen besseren Ausweg von den Übeln des Lebens als eine gute Partie Schach“ (Francis Bacon) konnte man sich in dieser Lage nicht vorstellen. Ähnlich sagten es im Mittelalter schon der arabische Gelehrte Ibn ul Mutâzz: „Droht uns Gefahr, bedrückt uns die Angst, so ist das Schachspiel ein Freund in unserer Einsamkeit“ und der große spanische König Alfons X. der Weise: „Schach bietet dem Menschen Zerstreuung, wenn Kummer und Schmerz ihn zu übermannen drohen.“

Wie immer wurde das Turnier am Freitagabend mit einem Blitzturnier, welches Dr. Dirk Wildenrath und Prof. Krauseneck gemeinsam gewannen, sowie alternativ einer „normalen“ Simultanvorstellung durch die mit Abstand beste deutsche Schachspielerin Elisabeth Pähtz und einem Uhren-Handicap durch mich selbst eingeleitet.

Deutscher Ärztemeister wurde diesmal Dr. Rutz vor Dr. Bucur, Dr. Paust, Dr. Wildenrath, Dr. Csillag, Dr. Birke und Dr. Schaefer (die beiden letzten „Männer der ersten Stunde“! – übrigens ebenso wie Dr. Spasojevic und Prof. Krauseneck).

Bei der Preisverteilung war der Gabentisch diesmal besonders üppig gedeckt, darunter acht prächtige Emanuel Lasker-Biographien, ein Geschenk von Thomas Weischede, dem Präsidenten der Emanuel-Lasker-Gesellschaft und etliche wertvolle DVDs der Firma Chessbase wie beispielsweise das neue Fritz 17.

Auch der Bücherstand des Ehepaars Manfred und Monika Mädler war wieder „üppig bestückt“, ich vermisste lediglich den ewigen Ladenhüter Der Arzt im Schachspiel des Dominikanermönchs Jakobus de Cessolis aus dem Mittelalter. Ein schönes Buch, das die Ärzte allerdings aus irgendwelchen Gründen wie der Teufel das Weihwasser meiden.

Ein besonders berührender Augenblick war die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft für den ehemaligen stellvertretenden Chefredakteur des Deutschen Ärzteblatts, Josef Maus.

Er hat das Ärzteschachturnier begründet und mit großem Einsatz, viel „Herzblut“, absoluter Verlässlichkeit und einem stets offenen Ohr für jedermann auch durch gelegentlich schwierige Zeiten „getragen“ und so zu dessen einzigartiger Atmosphäre wesentlich beigetragen. Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass sich neben dem 1. FC Köln auch diese außereheliche Liebe in seinem Herzen einnisten würde! Natürlich war dies nur möglich durch die Unterstützung seiner ganzen Familie, die mit ihrer freundlichen Präsenz eine „conditio sine qua non“ all dieser Jahre war.

Bevor ein paar Kombinationen des Turniers den Bericht abrunden sollen, sei noch vermerkt, dass schon das Datum der nächsten Ärztemeisterschaft feststeht: 19. bis 21. Februar 2021 wieder in Bad Homburg v.d.H.– bitte vormerken!

Diagramm 1

(wKf2, Dh8, Tc2, Tg1, Lc3, Lf1, Ba2, d5, e4, f3, h2;

sKe7, Df4, Tb1, La6, Sf6, Ba5, d7, f7, h7)

In hoher beiderseitiger Zeitnot spielte Dr. Jan-Erik Wähner als Schwarzer 1…Dxh2+ und gewann nach 2.Tg2 Txf1+ 3.Ke3 Dh6+ 4.Kd4 Txf3 schließlich.

Mit welcher herrlichen Opferkombination hätte er jedoch in drei Zügen mattsetzen können?

Lösung:

Mit dem Springeropfer 1…Sg4+!

Die Ablehnung des Opfers mit 2.Kg2 führt nach 2…Dxh2 gleich zum Matt, während die Annahme mit 2.Txg4 Txf1+ 3.Kg2 Dxf3 einen Zug länger dauert.

Diagramm 2

(wKh1, Dc3, Ta1, Tg1, Lc1, Lg2, Sf3, Ba2, b2, c4, f2, h2;

sKg8, Df4, Ta8, Td8, Lg4, Sf6, Sh4, Ba7, b7, c6, e6, f7, g7,h6)

Weiß hatte zuletzt mit 1.Sd2-f3 die schwarze Dame und gleichzeitig den Springer h4 angegriffen. Mit welchem kräftigen Konter gewann Dr. Michael Jordan als Schwarzer aber schnell?

Lösung:

Nach 1…Se4! war Weiß verloren.

Das Nehmen der Dame mit 2.Lxf4 ergibt nach 2…Sxf2 ein Ersticktes Matt.

Das gleiche Schicksal würde den weißen König nach 2.Dc2 Td2! (auch 2…Dxf3! 3.Lxf3 Lxf3+ 4.Tg2 Lxg2+ 5.Kg1 Sf3+ 6.Kxg2 Se1+ nebst 7…Sxc2 gewönne Haus und Hof) 3.Dxd2 Dxd2! 4.Sxd2 Sxf2 ereilen, während 3.De1 wiederum wegen 3…Dxf3! hoffnungslos wäre.     

Diagramm 3

 (wKg1, Dd1, Tc1, Tf1, Lg2, Sf3, Ba2, b2, d3, e2, f2, g3, h2;

sKg8, De6, Tb8, Tf8, Sc6, Sd5, Ba7, b7, c7, e5, f6, g7, h7)

In dieser so harmlos anmutenden (Allerwelts-) Stellung konnte Dr. Matthias Birke als Weißer mit einem obendrein auch noch harmlos scheinenden Zug zwangsläufig eine Figur gewinnen. Wie kam’s?

Lösung:

Nach 1.Db3! ging es dem Springer d5 an den Kragen; nach 1…Dd7 2.e4 gab Schwarz wegen des Springerverlusts auf.

Doch auch 1…Sa5 2.Db5 oder 1…Kh8 2.e4 oder 1…Tfe8 2.Sg5! mit der schrecklichen Drohung 3.Lxd5! hätten nicht mehr geholfen.

Diagramm 4

(wKb1, Dd2, Td1, Te1, Ld3, Lg5, Sc3, Sg3, Ba2, b2, c2, d4, f3, g2, h4;

sKg8, Da5, Ta8, Te8, Le6, Lg7, Sb6, Sf6, Ba7, b7, c5, d5, f7, g6, h7)

Hier wurde dem Schwarzen das versteckte Vis-à-vis der beiden Damen, vor allem die ungedeckte Lage der schwarzen, zum Verhängnis. Und zwar wie?

Lösung:

In einer „petite combinaison“ schlug Dr. Dieter Hardt als Weißer zuerst den Springer 1.Lxf6, um nach dem Wiedernehmen 1…Lxf6 mit 2.Sc3-e4! die schwarze Dame und den Läufer f6 gleichzeitig anzugreifen, wonach unweigerlich der Läufer verloren geht: 2…Dxd2 3.Sxf6+.

„Dummerweise“ rettet nun auch der Gegenangriff 2…Kg7 nicht mehr, weil Weiß vor dem Wiederschlagen der schwarzen Dame sich mit 3.Sxe8+! und Schachgebot auch noch beim schwarzen Turm bedient: 3…Txe8 4.Txd2.

Diagramm 5

(wKf3, Sc6, Bd5, e3, f4, h4;

sKf5, Sc5, f6, g7, h5)

Wie konnte Dr. Helmut Plöger als Weißer am Zug in einem „Zeitnot-Pingpong“, bei dem die Springer mehr übers Brett flogen als hoppelten, dieser Hektik nun ein abruptes Ende setzen?

Lösung:

Mit 1.Se7+! wurde der schwarze König trotz des reduzierten Materials einzügig mitten auf dem Brett mattgesetzt.

… besagte Schachgöttin
Dr. med. Helmut Pfleger